Anna in den Medien

«Es geht um nichts weniger als Leben und Tod»

Viele Frauenhäuser in der Schweiz sind voll. Zwei Fachfrauen erklären, welche Folgen das für Betroffene von häuslicher Gewalt hat und welche Massnahmen nun nötig sind.

Anna Tanner schaut ernst in die Kamera
Anna Tanner (33) ist Fachberaterin im Frauenhaus Bern. Bild: Philippe Roessier

Im Dezember stellte die Juso ein Bett auf dem Bundesplatz auf. Es sollte die fehlenden Betten in den Frauenhäusern symbolisieren. Wie angespannt ist die Lage aktuell?
Marlies Haller: Sehr. Viele Frauenhäuser sind voll. Die Fachberaterinnen brauchen immer länger, bis sie einen Platz für Betroffene gefunden haben. Im Kanton Bern kommt es sogar vor, dass Frauen und Kinder vorübergehend in einem Hotel platziert werden müssen. Und die Anzahl Anrufe bei der Hotline AppElle ist steigend.

Wie erklären Sie sich, dass gerade jetzt so viele Frauen Schutz suchen?
Haller: Das kann ich nur vermuten. Einerseits ist die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt sehr hoch, man schätzt sie auf 80 Prozent. Die Frauenhäuser zeigen also nur die Spitze des Eisbergs. Auch bei Opferhilfestellen beobachten wir in den letzten Jahren eine enorme Zunahme an Anfragen. Faktoren, die dazu beitragen, sind wahrscheinlich die Diskussionen über die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und die verschiedenen Frauenbewegungen. Diese haben eine Sensibilisierung im Bereich häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen gebracht und hoffentlich auch die Betroffenen dahingehend motivieren können, sich Hilfe zu holen. Heute ist bekannter, dass das Opferhilfegesetz, die Frauenhäuser und Beratungsstellen für alle da und kostenlos sind und unabhängig von einer Anzeige Hilfe besteht. Denkbar ist auch, dass jetzt jene Frauen Hilfe suchen, die während der Pandemie verstärkt unter Kontrolle gestanden haben.
Anna Tanner: Eine weitere Vermutung ist, dass die aktuelle gesamtgesellschaftliche Situation mit der Teuerung Stress erzeugt. Und stressige Situationen führen oft auch zu mehr Druck und Gewalt zu Hause.

Unsere Frauenhäuser

In der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein gibt es derzeit 23 Frauenhäuser, die unter der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein DAO organisiert sind.

2021 gabs dort laut deren Jahresbericht 203 Familienzimmer mit 417 Betten. Im selben Jahr suchten 1068 Frauen und 1021 Kinder Schutz in einem Frauenhaus.

Aktuell stehen der Schweizer Bevölkerung 0,23 Familienzimmer pro 10 000 Einwohnerinnen zur Verfügung. Der Europarat empfiehlt ein Zimmer pro 10’000 Einwohner.

Welche Folgen hat die hohe Auslastung in den Frauenhäusern für jene, die Schutz suchen?
Tanner: Wenn Frauen von uns erst mal einen Platz ausserhalb eines Frauenhauses angeboten bekommen, zögern sie noch stärker, von zu Hause wegzugehen. Hinzu kommt: Gerade in einer Krisensituation und wenn Kinder involviert sind, ist es eigentlich zentral, dass wir eine erste Krisenintervention stationär machen können. Dazu gehört etwa eine Sicherheitseinschätzung oder eine richtige Gewaltdokumentation. Durch die knappen Ressourcen sind Beratung und Begleitung manchmal nur eingeschränkt möglich.

Was sagen Sie Betroffenen häuslicher Gewalt, die deswegen zögern, Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Tanner: Sie sollen sich unbedingt trotzdem melden, das ist ganz wichtig. Wir finden immer eine Lösung, auch wenn sie vielleicht nicht auf Anhieb jene ist, die wir gerne anbieten würden. Aber jede Frau, die anruft, wird durch eine Fachperson kompetent beraten, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Ich ermutige alle Betroffenen und auch Angehörige, Hilfe zu suchen.
Haller: Es gibt keine Abweisungen bei Frauenhäusern. Es wird immer ein Weg gefunden. Umso wichtiger wäre, dass der Staat genügend Ressourcen und Finanzierung bereitstellt, was aktuell nicht der Fall ist. Zwar haben wir gerade auf Bundesebene viele Fortschritte gemacht, was die Prävention und Sensibilisierung angeht. Aber an der Basis, also bei Opferhilfestellen und Frauenhäusern, die es braucht, um diese Entwicklung aufzufangen, wird nicht entsprechend mehr investiert. Das geht nicht auf. Hinzu kommt: Das Opferhilfegesetz wird kantonal verschieden angewendet. Die Leistungen für Frauen und Kinder, die Hilfe suchen, sind nicht überall dieselben. Das ist problematisch.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?
Haller:
Wir brauchen mehr Plätze, mehr Geld – und mehr Daten: In der Schweiz gibt es kaum Studien im Bereich der häuslichen Gewalt. Wir haben weder Statistiken zu Femizid noch eine klare Definition dafür. Langfristig ist die Gleichstellung aller Geschlechter zentral. Denn häusliche und sexualisierte Gewalt hat sehr viel mit struktureller Ungleichheit und mit Macht zu tun.
Tanner: Es sollte generell ein Interesse daran bestehen, dass wir schnelle und effiziente Hilfeleistungen anbieten können. So kann man nicht nur Entwicklungsschwierigkeiten bei Kindern und Jugendlichen abfedern und so auch verhindern, dass sie später zu Opfern und Täterinnen werden. Man könnte jemanden dabei eher unterstützen, dass eine Situation nicht so schlimm wird, dass die betroffene Frau ihren Job verliert und dann Sozialhilfe beziehen muss. Wichtig ist auch, dass erkannt wird, was wir mit unserer Arbeit in den Frauenhäusern und den Opferhilfestellen tun: Wir versuchen, Femizide zu verhindern. Das ist schwieriger, wenn wir nicht genügend Ressourcen haben und deswegen nicht schnell genug reagieren können. Es geht also um nichts weniger als Leben und Tod.

14.01.2023 – Blick: «Es geht um nichts weniger als Leben und Tod»

Dana Liechti, Redaktorin Sonntagsblick

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