Anna in den Medien

35 Tage, um zurück ins Leben zu finden

Am Frauenstreik fordern Teilnehmerinnen immer wieder Massnahmen gegen Gewalt an Frauen. Ein Rundgang zeigt: Die Frauenhäuser in Bern sind chronisch überbelegt.

Anna Tanner steht links neben einem gepolsterten Stuhl vor einer holzernen türkis-grünen Wand. Sie träg ein rotes Shirt, dunkle lange Hose und schaut ernst-nachdenklich, etwas seitlich in die Kamera
Die Frauen seien «im Krisenmodus», wenn sie im Frauenhaus ankämen, sagt Mitarbeiterin Anna Tanner. Fotos: Nicole Philipp

In der Waschküche hängen nasse Kinderkleider – Stoffhosen, kleine T-Shirts, ein langärmliges Leibchen mit winzigen aufgedruckten Blümchen. «Für die Fotos muss alles mit Muster weg», sagt Ines Bürge, Leiterin des Frauenhauses Bern, und zupft die Kleider gleich von der Wäscheleine. «Der Vater könnte sie erkennen.»

Die Sicherheit der Bewohnerinnen steht im Frauenhaus an oberster Stelle. Die Tür ist stets abgeschlossen, ein Fake-Name steht an der Klingel, Überwachungskameras filmen ununterbrochen den Aussenbereich. Im Büro im Kellergeschoss müssen die Besucherinnen eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, dass sie den genauen Ort in Bern geheim halten, damit die Täter, fast immer der Mann oder der Ex-Mann, die Frauen nicht finden können. Seit über 30 Jahren ist das Frauenhaus hier, die Nachbarn ahnten wohl etwas, sagt Ines Bürge, aber sie seien diskret. 

In der Waschküche trocknen Kinderkleider.

Wenn die Frauen ankommen, sagt Fachberaterin Anna Tanner, seien sie meist im Krisenmodus. Viele haben über Jahre Gewalt erlebt – nicht nur physisch, sondern auch psychisch oder finanziell. Etwa wenn der Mann, der das Geld in der Familie verdient, der Frau kaum genug für den Haushalt gibt. «Es wohnen Frauen hier, die deswegen keine ärztliche Hilfe aufgesucht haben, kein Handyabo besitzen und sich den ÖV nicht leisten konnten, um Freundinnen zu treffen», sagt Anna Tanner. «Der Mann hat sie über das Geld isoliert und kontrolliert.»

Das Frauenhaus Bern ist vor über 40 Jahren aus der feministischen Bewegung entstanden. «Häusliche Gewalt ist Ausdruck davon, wie Männer ihre Frauen sehen: Untergeordnet, als Eigentum, womit sie machen können, was sie wollen», schrieb eine der Mitarbeiterinnen damals in das Jahresbulletin. Seither sind weitere Frauenhäuser in Biel und Thun entstanden, sowie das Männerhaus Zwüschehalt, ebenfalls an einem geheimen Ort in Bern, mit Platz für acht Männer. Die Frauenhäuser Bern und Thun-Berner Oberland werden von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern geführt. (jek)

Sieben Frauen und acht Kinder leben zurzeit im Haus; bis zu 35 Tage können sie bleiben, auch länger, wenn das Team einen Antrag an den Kanton für weitere Finanzierung stellt, weil die Frau noch gefährdet ist. In dieser Zeit haben die Frauen Schutzraum und können sich erholen, müssen aber auch ihr Leben neu regeln: Oft müssen sie eine neue Wohnung finden, die Kinder umschulen, sich rechtlich orientieren, die Finanzen regeln oder sich bei der Sozialhilfe anmelden. 

Vier Franken Essensgeld

Im Gang im ersten Stock liegt ein kleines Baby in der Tragetasche, ein paar Monate alt, die Augen geschlossen, die pummeligen Hände zu Fäustchen geballt. Aus der Küche riecht es nach Käse und buttrigem Teig – eine Bewohnerin bäckt Börek. Vier Franken erhalten die Frauen pro Tag als Essensgeld, drei Franken zusätzlich pro Kind, damit kochen sie sich das Nachtessen. 

Im Zimmer für die Kinder hat es Stofftiere, Spielzeug, Lego, ein Zelt. Die Kinder brauchen im Frauenhaus häufig Zeit, um wieder Vertrauen in andere Menschen zu gewinnen.

Die Kinder, die hier leben, verbringen besonders viel Zeit im Spielzimmer, gleich um die Ecke der Küche. Rund zwei Drittel der Frauen kommen mit Kindern hierhin, die meisten sind jünger als sechs Jahre alt, sagt Anna Tanner. «Es ist immer wieder eindrücklich, zu sehen, wie sich die Kleinen verändern.» Zu Beginn der Zeit im Frauenhaus weinten viele, sprächen teilweise kein Wort, spielten Gewaltsituationen mit Puppen oder Stofftieren nach oder wollten die Mutter nicht allein lassen, weil sie sich so um deren Sicherheit fürchteten. «Und dann, nach mehreren Wochen Stabilität, fassen sie plötzlich wieder Vertrauen.»

Im obersten Stock befindet sich das Notzimmer. Im Moment steht es leer, riecht nach Waschpulver, frische Tücher und eine Bettflasche liegen bereit. «Im Notfall kann eine Frau mit bis zu vier Kindern hier eine Nacht verbringen», sagt Ines Bürge. Das Notzimmer ist Teil des Konzeptes, damit Frauen im Kanton Bern jederzeit flüchten können, auch mitten in der Nacht. Ungefähr alle zwei Wochen übernachtet jemand hier – die Frau oder die Familie dürfen aber nur 24 Stunden bleiben, damit das Zimmer für den nächsten Notfall wieder bereitsteht. «Dann geht meistens die grosse Suche nach einem Platz los», sagt Anna Tanner. 

Das Notzimmer sollte nie länger als eine Nacht belegt werden.

Dass die Frauenhäuser schweizweit chronisch überbelegt sind, ist eines der grossen Probleme, mit denen das Team täglich kämpft. Auch, weil die häusliche Gewalt steigt. 2022 rückte die Polizei im Kanton Bern viermal pro Tag deswegen aus, fünf Frauen wurden im häuslichen Kontext getötet, bei vier weiteren blieb es beim Tötungsversuch. Rund ein Viertel der begangenen Straftaten schweizweit ereignet sich im häuslichen Rahmen, so die polizeiliche Kriminalstatistik.

Hotel statt Frauenhaus

Weil die Plätze fehlen, mussten Frauen immer wieder anderswo untergebracht werden: etwa in anderen Kantonen oder im Hotel. «Wobei das Hotel natürlich suboptimal ist», sagt Anna Tanner. Die Frauen haben dort keine Beratung vor Ort, keinen sicheren Schutz, fühlen sich in sterilen Zimmern nicht immer wohl. «Es gab auch schon Frauen, die vom Hotel zurück nach Hause gegangen sind, bei denen ich sicher war, dass sie im Frauenhaus bei uns geblieben wären.»

Bisher haben die Mitarbeiterinnen noch für jede Frau «irgendwie» Platz gefunden, auch wenn diese teilweise ein, zwei Tage länger zu Hause beim Mann hätten bleiben müssen. «Ob das auch in einem Jahr so sein wird, ist ungewiss», so Tanner. «Die Situation spitzt sich zu.» 

Abends kochen die Frauen hier für sich und ihre Kinder.

Mehr Schutz für Frauen, die Gewalt erleben, ist eines der zentralen Forderungen der Demonstrantinnen am Frauenstreik vom 14. Juni. Auch Anna Tanner ist mit einem Stand der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern präsent. Denn das Frauenhaus kämpft nicht nur mit der Überbelegung, wie sie im Wohnzimmer am grossen Holztisch erzählt. Auch die Finanzierung sei nicht gesichert, die Anschlusslösungen für die Frauen gestalteten sich schwierig, genügend Gelder für kinderbezogene Leistungen fehlten.

Seit #MeToo, seit dem Frauenstreik und Frauenwahljahr 2019, seit dem Fokus auf häuslicher Gewalt während der Pandemie merkt das Team des Frauenhauses zwar, dass die Bevölkerung und die Politik beim Thema sensibilisierter seien. «Es ist einfacher, gehört zu werden», sagt Tanner. «Aber es ist nicht unbedingt einfacher geworden, etwas zu bekommen.»

Bestrebungen von Kanton und Bund

Erst in diesem Frühling hat der Grosse Rat im Kanton Bern die neue kantonale Opferhilfestrategie zum Nachbessern an den Regierungsrat zurückgeschickt. Sorge bereitete den in der Opferhilfe tätigen Institutionen vor allem die angestrebte Kostenneutralität. Trotz steigender Nachfrage nach Opferhilfeleistungen wollte der Kanton nicht mehr Mittel zur Verfügung stellen.

Auch national gibt es mittlerweile einen Strauss an Bestrebungen, um häusliche Gewalt zu bekämpfen: strategische Dialoge, Rechtsssetzungsprojekte, einen Aktionsplan, eine Gleichstellungsstrategie, eine Roadmap häusliche Gewalt. Weil sie die sogenannte Istanbul-Konvention ratifiziert hat, ist die Schweiz völkerrechtlich verpflichtet, umfassende Massnahmen gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt zu treffen. 

Und dennoch kritisieren verschiedenste Seiten – nicht nur die Frauenhäuser und Opferberatungsstellen –, dass die Bemühungen bisher nicht genügen. Das europäische Expertengremium «Grevio» etwa hat die Umsetzung der Istanbul-Konvention überprüft und im November 2022 die Schweiz ermahnt: Es brauche deutlich mehr nachhaltig finanzierte Plätze in Frauenhäusern, zudem müssten sie zugänglich sein für Frauen mit Behinderungen oder Frauen, die Suchtmittel einnehmen.

Eine Zeichnung eines Kindes im Frauenhaus. Der Titel des Bildes: «Eine freche gescheite Frau.»

Es ist kurz vor Mittag, das Baby schläft noch ruhig. Die Mutter kommt aus der Küche und trägt es nach oben ins Zimmer. Gleich gibt es Mittagessen – die Kinder sitzen an einem separaten Tisch im Wohnzimmer, die Erwachsenen in der Küche. Auch dieses unverkrampfte Miteinander bei Börek und Salat sei wichtig, sagt Anna Tanner. «Viele der Frauen haben immer noch falsche Vorstellungen von häuslicher Gewalt, wenn sie hierherkommen.» Etwa wissen sie nicht, dass die Gewalt illegal ist. «Oder sie realisieren erst hier, im Gespräch mit den anderen, was sie eigentlich alles durchgemacht haben.»

14.06.2023 – Der Bund: Frauenhaus in Bern: 35 Tage, um zurück ins Leben zu finden
Jessica King ist Redaktorin im Ressort Kultur&Gesellschaft und schreibt primär über gesellschaftliche Themen

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